VDMA, Großanlagenbau

Das lernende Stahlwerk

Die Geschäftsaussichten im Großanlagenbau sind vielversprechend. Dieses Fazit zogen die Veranstalter des Engineering Summit 2018, der unter dem Motto „Taking the Lead“ erstmalig im neuen RheinMain Kongresszentrum in Wiesbaden stattfand. „Die meisten Unternehmen erwarten für 2019 einen Anstieg ihrer Auftragseingänge und Umsätze und wollen im Ausland weiter Personal aufbauen“, berichtete Thomas Waldmann, Geschäftsführer der VDMA Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau (AGAB).
 
Allerdings zeigte die Befragung auch, dass der Marktdruck in den kommenden Jahren weiter zunehmen wird. Das liegt vor allem an der wachsenden Konkurrenz aus Asien. China wurde erstmalig als wichtigster Wettbewerber überhaupt im Großanlagenbau identifiziert – noch vor den Unternehmen aus Westeuropa und den USA. „Für den Großanlagenbau bedeutet das eine Zäsur, auf die die Branche umfassend reagieren muss“, stellte Waldmann fest.

Digitalisierung

Auf dem Engineering Summit wurde deutlich, dass die Digitalisierung ein wichtiger Hebel sein kann, um die Wettbewerbsfähigkeit des Großanlagenbaus signifikant zu verbessern. Professor Katja Windt, Mitglied der Geschäftsführung bei der SMS group GmbH, stellte in diesem Zusammenhang verschiedene bereits am Markt erprobte Lösungen vor. Hierzu zählen etwa Softwareprogramme zur Qualitätsüberwachung bei der Stahlproduktion oder Apps, mit denen sich die Produktion eines Werks in Echtzeit optimieren lässt. Mit diesen Produkten ermöglicht SMS das sich selbst optimierende lernende Stahlwerk.

Nicht zuletzt geht es bei der Digitalisierung auch um den Menschen und seine Rolle. Marcel Fasswald, CEO der thyssenkrupp Industrial Solutions AG, plädierte dafür, den Mitarbeitern mehr Verantwortung einzuräumen: „Wir müssen traditionelle, hierarchische Führung durch wissensbasiertes Teamwork ersetzen.“ Ein Beispiel hierfür ist die Zusammenarbeit mit dem Startup Orbica. Orbica erstellt durch den Einsatz von Drohnen Aufnahmen von Baustellen, die mit 3D-Modellierungstechniken und künstlicher Intelligenz kombiniert werden und somit alle Details eines Gebäudes erkennbar machen. Damit kann der Fortschritt auf Baustellen automatisch gemessen werden. Orbica hat thyssenkrupp auf der Innovationsplattform „Beyond Conventions“, die der Konzern mit weiteren Unternehmen ins Leben gerufen hat, kennengelernt.

Neue Herangehensweisen

Weitere Beispiele der Zusammenarbeit erläuterte Julien Brunel, Head of Digitalisation bei Linde Engineering. Sein Unternehmen hat mit dem sogenannten Digital Basecamp eine Infrastruktur geschaffen, bei der Digitalisierungsexperten mit Ingenieuren aus dem Anlagenbau sowie mit Kunden projektbezogen zusammenarbeiten, um innerhalb kurzer Fristen von der ersten Idee zu einer marktfähigen Lösung zu gelangen. Ein weiteres Kernelement ist die enge Zusammenarbeit mit Partnern außerhalb des klassischen Anlagenbaus. „Wir dürfen keine Scheu haben, uns gegenüber innovativen Startups und branchenfremden Marktteilnehmern zu öffnen. Wir profitieren von diesen Partnern und der Verwendung neuer Arbeitsweisen. So kommen wir schnell voran und sind nah am Kunden“, erläuterte Brunel die Herangehensweise bei Linde.

Generell befindet sich der Großanlagenbau bei der Digitalisierung auf einem erfolgversprechenden Weg. Derzeit fühlen sich 60 Prozent der Unternehmen gut oder sogar sehr gut für die digitale Transformation gerüstet. Allerdings sind die Umsatzanteile im Anlagenbau noch relativ gering. Waldmann: „Unsere Umfrage hat gezeigt, dass zwei Drittel der Großanlagenbauer ihren Kunden digitale Produkte wie Software, Services oder Datenanalysen anbieten. Die Mehrheit der Unternehmen erzielt damit jedoch weniger als 5 Prozent ihrer Umsätze. Der Trend zeigt aber eindeutig nach oben.“

Benchmarking-Studie
Wohin die Reise ins Jahr 2025 gehen wird, untersucht eine Benchmarking-Studie der AGAB und der PwC-Praxisgruppe Capital Projects & Infrastructure (CP&I), die den Stand der Digitalisierung im deutschen Industrieanlagenbau mit internationalen Wettbewerbern vergleicht. Erste Ergebnisse wurden in Wiesbaden vorgestellt. Demnach liegen die Stärken deutscher Anbieter vor allem in der Weiterentwicklung digitaler Technologien wie etwa der künstlichen Intelligenz sowie im Angebot von Lösungen zur Cybersicherheit.

Bemerkenswert ist ferner, dass neue Vertragsmodelle wie das Performance Based Contracting aus Sicht der Auftraggeber 2025 die dominierenden Vertragsarten sein werden. Dasselbe gilt für Geschäftsmodelle aus der Konsumgüterindustrie wie das sogenannte Pay-per-Use und das Freemium, bei dem erst Erweiterungen eines Basisprodukts kostenpflichtig werden. Christian Elsholz, Director Capital Projects & Infrastructure bei PwC Germany, erläutert die Konsequenzen dieser Entwicklung: „Der klassische Festpreisvertrag wird an Bedeutung verlieren. Der Großanlagenbau muss darauf mit maximaler Flexibilität im Angebot und in der Abwicklung der verschiedenen Vertragsmodelle reagieren.“

Mitarbeiter begeistern
Viele der Vortragenden in Wiesbaden hoben hervor, wie wichtig es angesichts der hohen Veränderungsgeschwindigkeit im Anlagenbau ist, die Mitarbeiter zu befähigen, den Wandel erfolgreich zu gestalten. Rainer Kiechl, Geschäftsführer der Mitsubishi Hitachi Power Systems Europe GmbH, betonte in diesem Zusammenhang: „Viele Mitarbeiter reagieren mit einer gewissen Skepsis auf die absehbaren Veränderungen. Wir müssen diese Vorbehalte ernst nehmen und den Mitarbeitern die Möglichkeit geben, den Changeprozess mitgestalten zu können. Aus passiv Betroffenen müssen aktiv Beteiligte werden, die Veränderung als Chance begreifen. Die Aufgabe der Führungskräfte besteht darin, Transparenz herzustellen, glaubwürdig zu agieren und eine Vorbildrolle zu übernehmen.“


Wettbewerbsfähigkeit
Die Mitglieder der AGAB blicken mit Zuversicht ins nächste Jahr, allerdings werden die Volatilität der Absatzmärkte und der hohe Wettbewerbsdruck bestehen bleiben und politisch bedingte Unsicherheiten werden voraussichtlich sogar zunehmen. AGAB-Geschäftsführer Waldmann konstatierte daher, dass die Industrie weiterhin intensiv an der eigenen Wettbewerbsfähigkeit arbeiten wird: „Neben der Digitalisierung stehen der weitere Ausbau des Servicegeschäfts, die Modularisierung, die Stärkung der Technologieführerschaft und der Einsatz agiler Methoden im Fokus der Branche. Auch die Zusammenarbeit mit Partner im Rahmen von Netzwerken wird in den kommenden Jahren wichtiger werden. Vor allem wenn es darum geht, Megaanlagen, Ausbauprojekte und Serviceaufträge synchron abzuwickeln, können solche Verbindungen helfen, Kapazitäten bedarfsgerecht zu steuern und Handlungsspielräume zu schaffen.“
 

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